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Der Ernst macht Spaß
"Ich geb Gas, ich geb Gas": Sebastian Ernst, Deutschlands hoffnungsvollster Nachwuchssprinter ist als bekennender Autofreak nicht nur auf der Straße schnell unterwegs. Auch ohne motorisierten Untersatz kann der Neu-Wattenscheider mächtig aufs Tempo drücken. Bei 20,36 Sekunden über 200 Meter und 10,36 über 100 Meter stehen seit 2004 die beachtlichen Bestmarken des erst 22-Jährigen.
Neben Supersprinter Tobias Unger (Kornwestheim) verhalf Sebastian Ernst in den vergangenen Jahren dem kränkelnden Sprintbereich des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) wieder auf die Beine. DLV-Sprinttrainer Uwe Hakus kann dem Fußballclub Victoria Hesse bei Gelsenkirchen danken. Denn dort kickte der kleine Sebastian Ernst im zarten Alter von fünf Jahren mit dem Ziel, ein großer Fußballer zu werden. Seine Trainingswille, der ihm heute zu Gute kommt, half im damals allerdings nicht weiter: "Ich konnte mich im Training noch so anstrengen, ich landete immer wieder auf der Bank", sagt der FC Bayern Fan aus Gelsenkirchen rückblickend.
Nach drei Jahren als ewiger Ersatzspieler riss dem damals 12-Jährigen der Geduldsfaden. Sebastian Ernst beschloss die Stollenschuhe an den Nagel zu hängen und schnürte stattdessen ab sofort die Spikes. Ein Vereinswechsel stand ebenfalls an: 1999 ging er zum FC Schalke 04. Doch statt wie gewöhnlich die Fußballabteilung, bekamen die Leichtathleten des Klubs ein neues Mitglied. Andrea Flaßkamp nahm damals das Sprinttalent unter ihre Fittiche.
Anfänglich versuchte sich der 1,83 Meter große und für einen Sprinter nur 66 Kilogramm leichte Leichtathlet im Hoch- und Weitsprung. Doch schnell stellte sich heraus, dass der Bundespolizei-Beamte ein Mann für die Speed-Disziplinen ist. Die 200 Meter liegen ihm noch mehr als die 100 Meter, was Ernst insgeheim bedauert. Denn: "Ich habe noch nie gesehen, dass sich einer von den 100-Meter-Sprintern im Ziel übergeben hat." Auf der doppelten Distanz passiert das schon mal, wovon sich Ernst allerdings nicht abschrecken lässt.
In seiner ersten Saison als 200 Meter-Läufer führte der damalige Schalker bereits die westfälische Bestenliste über 200 Meter in seiner Altersklasse an. 2002 erstaunte der Halbfinalist der Olympischen Spiele von Athen dann bereits die internationale Fachwelt, als er bei der U20-Junioren-WM auf Jamaika als erst 17-Jähriger sensationell Sechster wurde. Zudem wurde er als bester Europäer in der Ergebnisliste geführt. Kein Zufall, wie er ein Jahr später beweisen konnte: Seinen ersten internationalen Titel gewann Ernst bei den U20-Junioren-Europameisterschaften 2003 in Tampere/Finnland über 200 Meter. Den Sprung in die Erwachsenenklasse meisterte er geradezu profihaft. Als 19-Jähriger preschte Ernst bis ins olympische Halbfinale vor, genauso wie vergangenes Jahr bei den Weltmeisterschaften in Helsinki.
Doch obwohl der Shooting-Star der Sprintszene, der nur äußert selten ohne Baseballcap anzutreffen ist ( "Die Mütze kommt nur während des Wettkampfes, beim Schlafen und Duschen ab"), auf den ersten Blick gar nicht wie ein typischer Schnellathlet aussieht, traut man ihm seine ehrgeizigen Ziele zu: den Endlauf bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Bis dahin begleitet ihn sein Talisman, eine Kette, auf deren Anhänger eine Ratte abgebildet ist: "Für die Chinesen ist die Ratte ein Überlebenskünstler. Flink und intelligent", erklärt Ernst die auf den ersten Blick seltsam anmutende Motivauswahl ganz ohne Spaß.

